Norbert Fleischmann

London calling

Die Global Biking Initiative (GBI), eine internationale Organisation mit Sitz in Neuss/NRW, veranstaltet jährlich anspruchsvolle Radtouren mit dem Ziel, durch die Teilnehmer Spenden für gute Zwecke einzusammeln. Die diesjährige GBI Europe-Jubiläumstour zum 10-jährigen Bestehen führte von London nach Düsseldorf.

30. Juni 2017, Düsseldorf ZOB: Der Zug aus Braunschweig war pünktlich, nach einer kleinen Runde zum Rhein runter begebe ich mich zum ZOB und warte auf die Mitradler, die ebenfalls per Bus nach London fahren. Allmählich treffen immer mehr Leute ein, die a) am Fahrrad und b) am Gepäck als Mitreisende zu erkennen sind. Nachdem die Fahrräder im Spezial-Anhänger verstaut sind, geht es um 20:30 ab Richtung Belgien und Frankreich zur Fähre nach Calais, die uns gut zwei Stunden später müde auf der Insel wieder auslädt. Es ist kurz nach fünf Uhr morgens, noch 2 Stunden bis London.

Samstag 7:30 am Hotel in East London, hätte gerne ein wenig geschlafen, aber die Zimmer sind erst ab 15:00 bezugsfertig. Nun gut. All you need is love. Also ab in die City zum Bummeln, und das bei schönstem Wetter. Danach Check-in und endlich ein wohlverdientes Nickerchen, bevor um 18:00 die Registrierung der Teilnehmer beginnt. Überall Fahrräder mit ihren Fahrern, zwei Drittel der 340 Teilnehmer aus 24 Ländern sind mit dem Rennrad unterwegs. Ich treffe mein Team und bin froh, dass die anderen 5 Jungs auch "nur" Trekkingräder haben. Das erste Kennenlernen beim Abendessen verläuft viel versprechend.

Tag 1 London – Canterbury

London begrüßt uns mit strahlendem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen, perfekt fürs Radfahren. Wir starten vom Hof einer Schule, großes Gewusel, die Hälfte aller Teilnehmer fährt zum ersten Mal mit – auf der "falschen" Seite: der Linksverkehr erfordert eine kurze Anpassungsphase, doch dann geht's. Das erste Highlight: Im Tunnel unter der Themse durch, dann weiter Richtung Südosten. Ein Sonntagmorgen in den Londoner Vororten, vor einigen Häusern werden Autos gewaschen, kleine Kinder spielen in Vorgärten, andere begleiten uns auf ihren Fahrrädern die Straße entlang und zeigen uns, dass sie auch auf dem Hinterrad fahren können. Ok, Jungs, weiter so! Vorbei an Feldern und Apfelplantagen geht es - mitunter gewöhnungsbedürftig in 2 m Abstand ohne Leitplanke entlang der Autobahn – Richtung Canterbury. 98 km. Dort finden wir unser Gepäck sauber aufgereiht neben den LKWs, während ein Team nach dem anderen eintrifft. Den anvisierten 20er Schnitt haben wir eingehalten, passt. Das GBI-Camp ist zwar in England noch nicht aufgebaut, die Bike-Werkstatt ist jedoch bereits am Start. Wir stellen unsere Fahrräder in einer Tennishalle ab und warten auf den Shuttlebus zum Hotel. Stimmung und Zustand besser als erwartet, so kann's weitergehen.

Tag 2 Canterbury - Dover – Dünkirchen - Poperinge

Ob es nun an den GBI-Teams aus Katar und Saudi-Arabien liegt oder nicht, wir sollen jedenfalls um 9:30 in Dover sein, um die 12:00-Fähre nach Dünkirchen zu erreichen. Nun gut. Always look on the bright side of life. Abfahrt um 7:00 am Hotel, Ansage von Teamleiter Thomas: "Es wellt sich…", und so fahren wir stellenweise mit 12 km/h den Berg hoch und mit 40 wieder runter, up and down bis Dover. Ich liebe meine 30 Gang-Schaltung. Der Zustand der englischen Landstraßen fordert allerdings unsere größte Aufmerksamkeit. Pünktlich um halb zehn erreicht unser Team den Fährhafen, wir warten auf die Passkontrolle. Auf der (nicht gerade kleinen) Fähre belegen wir eine komplette Fahrzeugspur mit ca. 200 Fahrrädern und machen uns wieder auf den Weg Richtung Festland. Der Rest der Tour kommt mit der nächsten Fähre.

Nachdem wir in Dünkirchen der Fähre wieder entschlüpft sind, führt unser Weg – ab nun wieder auf der "richtigen" Seite - vorbei an malerischen Raffinerien und Chemieanlagen, was das Fahren in höheren Gängen nicht nur nahelegt, sondern geradezu zwingend erfordert. Kurze Zeit später sind wir jedoch schon wieder entschädigt: Ein Radweg entlang einem Kanal, auf der anderen Seite Felder und Wiesen – Radfahrerherz, was willst Du mehr? Wir überqueren ohne es wahrzunehmen die Grenze zu Belgien und steuern unser Tagesziel an. Im jetzt vollständig aufgebauten Camp in Poperinge/Belgien sind nun auch die Sitzmöbel, Zelte, die mobile Kantine und der Bierwagen eingetroffen und wir gönnen uns nach 96 km erstmal ein kühles Bier.

Tag 3 Poperinge – Ninove

Nach einem ausgiebigen Frühstück im Hotel bringt uns ein Shuttle zum Camp, wo bereits mehrere hundert Menschen und Fahrräder unterwegs sind, um alles startklar zu machen. Heute liegt mit 109 km eine längere Tagesetappe vor uns, aber: die weiteste Reise beginnt mit dem ersten Schritt, pardon: Pedaltritt. Nach kurzer Zeit stört auch die kühle Morgenluft nicht mehr. In Belgien enthält unsere Route zum Glück immer wieder einige Massage-Abschnitte; durch die Verwendung von grobem Kopfsteinpflaster als Straßenbelag fahren wir nach kurzer Zeit wieder mit gut gelockerter Muskulatur weiter. Die TeilnehmerInnen aus weiter entfernten Ländern legen wesentlich mehr Fotostopps ein als wir, begegnet Ihnen doch so viel grüne Natur zuhause eher selten. Für eine Pause unterwegs finden sich natürlich stets auch andere gute, d.h. kulinarische Gründe, dennoch sind wir meist unter den ersten Teams, die spätnachmittags durch den Zielbogen ins Camp rollen. Ein paar Leute, die applaudieren, sind immer da, das tut gut. So auch in Ninove, ca. 20 km westlich von Brüssel. Unser heutiges Tourhotel liegt zwar in Aalst, aber wofür gibt es Shuttlebusse?

Tag 4 Ninove – Aarschot

Unser 6er-Team hat sich gut aufeinander eingegroovt, fast ist so etwas wie Routine zu spüren. Heute führt unsere Route auf 83 km im Norden um Brüssel herum. Was sich zwischen dem Abfahren der Strecke und der eigentlichen Tour alles verändern kann, merken wir heute Vormittag: Diese Baustelle war vor vier Wochen noch nicht da! Also flugs gemeinsam mit anderen Teams einige Bauzäune beiseite geräumt und der Weg ist frei bis zur Mittagspause im wunderschönen Mechelen. Nach und nach scheint die halbe GBI-Tour auf dem Marktplatz einzutreffen, die Gastronomie freut's. Danach geht's unter anderem 30 km an einem Kanal entlang auf einem sehr guten Radweg – wir gleiten nahezu mühelos dahin und freuen uns über die unzähligen Grüntöne der Natur und nebenbei auch schon mal aufs Abendessen. Vorher gibt's aber erst noch das Siegerbier im Camp! Die TeilnehmerInnen, die Camp-Übernachtung gebucht hatten, nehmen die örtliche Turnhalle in Besitz und verteilen ihre Zelte bzw. Matratzen, die in LKWs transportiert werden. Alles in allem umfasst unser Tross knapp 20 Fahrzeuge, vom Reisebus über 7,5-Tonner, Sprinter und 9-Sitzer bis hin zu 3 Motorrädern mit Sanitätern und einem Fotografen. Hut ab vor dieser Logistik!

Tag 5 Aarschot – Roermond

Mit dem Schüttelbus vom Hotel ins Camp, dort wieder das übliche Gewusel, bis alle Teams auf der Strecke sind. Heute wird's nochmal ernst: 111 km sind zu fahren und zu genießen. Nach der ersten Pause biegen wir in einem Ort, dessen Namen ich nicht mehr parat habe, auf die "Langestraat" ein – klingt schon mal gut. Auf den belgischen Radwegen fährt es sich prima, nach 70 km legen wir eine Mittagspause ein und es fühlt sich gar nicht an wie 70 km… Pferdekoppeln, Kuhweiden, Felder mit Mais und diversem anderen Grünzeug. Wir verlassen am Nachmittag Belgien und stellen fest, dass die Radwege in den Niederlanden sogar noch etwas besser sind. Bei der Ankunft in Roermond finden wir eine hervorragende Fahrrad-Infrastruktur vor. Unser Hotel liegt etwas außerhalb von Roermond und bietet uns wohlverdiente Ruhe.

Tag 6 Roermond – Neuss/Düsseldorf

Mit 62 km haben wird heute zwar nur eine kleine Etappe vor uns, dafür aber einen Riesenspaß: in Mönchengladbach sammeln sich alle 340 TeilnehmerInnen auf dem Kapuzinerplatz, um danach gemeinsam zum Ziel nach Neuss zu fahren. Wir werden dabei von einer Polizeieskorte begleitet, die unter anderem dafür sorgt, dass uns auf der 19 km langen Strecke keine rote Ampel aufhält. Im Jahnstadion Neuss gibt es – den Organisatoren sei Dank! – erstmal Brötchen und Getränke, bevor die diesjährige Tour mit der Bekanntgabe des Spendenergebnisses offiziell beendet wird.

Da steht man nun, ist total geflasht von den Eindrücken von unterwegs und den vielen tollen Menschen, die man kennen gelernt hat und würde am liebsten gleich wieder losfahren, doch der Verstand mahnt völlig zu Recht erstmal etwas Erholung an. Einverstanden - die nächste GBI Europe-Tour startet im Sommer 2018.

Näheres auch zu vergangenen Touren auf https://www.gbi-event.org/de